Neuigkeiten
07.11.2014, 11:40 Uhr
Bundestag beschließt Statistikreform im Agrarbereich
Rede zur Änderung des Agrarstatistikgesetzes
Der Gesetzesentwurf trägt den Veränderungen im Agrarbereich Rechnung. Dabei geht es auch um die Anpassung an EU-Vorschriften und eine Bundesratsinitiative zur Gartenbauerhebung
Rede im Deutschen Bundestag

am 06. November 2014

zur Beratung des Entwurfs eines Dritten Gesetzes zur Änderung des Agrarstatistikgesetzes (Tagesordnungspunkt 20)

Im letzten Jahr mussten zahlreiche Betriebsleiter den Ämtern Auskunft über Ihre Betriebs- und Produktionsstrukturen erteilen. Für den einzelnen Landwirt ist die Agrarstrukturerhebung zunächst ein bürokratischer Akt, den man über sich ergehen lassen muss.

Statistik und Zahlen, ein Thema, das vielfach auf Desinteresse stößt. Ähnlich wie bei Mathematik und Ökonomie sehen Unbedarfte in der Statistik eine Übung, die der Praxis weit unterlegen ist und nur eine Berechtigung hat, wenn es darum geht, den eigenen Standpunkt zu bekräftigen.

Für Verwaltung, Verbände und Wissenschaft liefert sie jedoch wertvolle Erkenntnisse. Denn nur auf Grundlage belastbarer Zahlen kann ein verlässliches Bild der deutschen und europäischen Landwirtschaft gezeichnet werden. Schließlich geht es um nicht weniger als die Nutzung von 18,6 Mio. ha Agrarland, das sind mehr als 50 % der Fläche unseres Landes. Mit Hilfe der Ergebnisse kann z. B. der Erfolg von Agrar- und Marktpolitiken eingeordnet werden. Hat ein spezielles Förderprogramm tatsächlich seine Wirkung erzielt? Oder haben Marktmaßnahmen zum gewünschten Erfolg geführt? Ein Vergleich der Statistiken gibt Aufschluss.

Nehmen wir ein Beispiel: Das Jahr 2014 wurde von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft“ ausgerufen. Anhand der Daten der Agrarstrukturerhebung 2013 können wir für Deutschland feststellen, dass rund 90 % der Betriebe in Deutschland familiengeführt sind. Das entspricht 256 000 Betrieben. Allerdings hat die Zahl der Familienbetriebe gegenüber der Landwirtschaftszählung aus 2010 um 6 % abgenommen. Was können wir für Schlüsse aus dieser Entwicklung ziehen?

Die Antwort bestimmt das Auge des Betrachters:

- Aus Sicht der Verwaltung kann die Effizienz von Fördermaßnahmen in diesem Bereich beurteilt werden.

- Die Wissenschaft kann mit aktuellen Zahlen Zukunftsszenarien berechnen und konkretisieren.

- Wir Politiker hingegen müssen uns entscheiden: Geht die Entwicklung in die gewünschte Richtung?

Um das zu entscheiden, braucht es zunächst ein gemeinsames Ziel. Oder vielmehr ein gemeinsames Leitbild! Und je breiter die Mehrheiten für dieses Ziel sind, desto effektiver können passende Maßnahmen durchgesetzt werden.

Bleiben wir beim Beispiel der Familienbetriebe: Familiengeführte Agrarunternehmen sind das Markenzeichen des Ländlichen Raums in Deutschland - und sie bringen viele Vorteile. Denn landwirtschaftliche Familienunternehmen erzielen eine hohe Wertschöpfung, die in der Regel im ländlichen Raum verbleibt. Sie wirtschaften meist nachhaltiger und mit mehr Arbeitskräften als z. B. anonyme Kapitalgesellschaften. Durch Diversifizierung und Eigentumsstreuung wird strukturschwacher ländlicher Raum lebenswert gehalten. Und nicht zuletzt sei erwähnt, dass das soziale und gesellschaftliche Engagement der Familien - etwa in Kirchen, Vereinen oder der Feuerwehren – ein Garant für lebendige Dörfer ist.

Dass Landwirtschaft und ländlicher Raum auch anders aussehen kann, ging aus dem Bericht der Delegationsreise des Landwirtschaftsausschusses in die USA hervor. Dort können Sie mehrere hundert Kilometer über Land fahren, ohne an einem Haus, einem landwirtschaftlichen Betrieb, geschweige denn an einem Dorf vorbeizukommen. Mal einmal davon abgesehen, dass wir es nicht mit dem Flächenpotenzial der Vereinigten Staaten aufzunehmen brauchen, stellt sich für mich vor allem die Frage:

Welche Agrarstruktur möchten wir in Deutschland haben und wie können wir diese fördern und begleiten?

Meiner Ansicht nach ist der landwirtschaftliche Familienbetrieb das passende Leitbild für die Agrarpolitik. Dabei ist es unerheblich, ob der Betrieb konventionell oder ökologisch bewirtschaftet wird. Wichtig erscheint mir, dass die Verbindung von Eigentum, Arbeit und Kapital in den ländlichen Regionen erhalten bleibt.

Auch wenn mehrheitlich noch die landwirtschaftlichen Betriebe für Arbeit und Vitalität im Ländlichen Raum sorgen, können wir uns dem Wandel in den Dörfern nicht verschließen. Gerade auslaufenden Landwirtschaftsbetrieben müssen wir Chancen eröffnen, um z. B. über Tourismus oder Umweltdienstleistungen, weiterhin im ländlichen Raum wirtschaften zu können.

Natürlich lassen sich durch die Statistik Tatsachen verstärkt oder abgeschwächt darstellen, doch eins ist sicher: Die Zahl der landwirtschaftlichen Unternehmen geht stetig zurück.

Mit der heutigen Dritten Änderung des Agrarstatistikgesetzes werden Erhebungsmerkmale für verschiedene Bereiche der Agrarstatistik angepasst und konkretisiert. In der Geflügelhaltung wird z. B. der Geflügelbestand nicht mehr zu einem Stichtag erfasst, sondern über die Zahl der Haltungsplätze ermittelt. Das schafft eine aussagekräftigere Datengrundlage, wodurch die strukturelle Entwicklung der Branche besser interpretiert werden kann. Im Zuge der Agrarstrukturerhebung 2016 wird eine Produktionsgartenbauerhebung durchgeführt. Allerdings werden zusätzliche Angaben abgefragt, die nicht Teil der Agrarstrukturerhebung sind. Das sind z. B. Daten zum Energieverbrauch nach Energieträgern oder zur Beheizung. Dadurch könnten Maßnahmen zur energieeffizienten Produktion im Gartenbau abgeleitet und gefördert werden.

Landwirtschaft ist Vielfalt, dies sehen wir bestätigt, wenn wir den Gesetzesentwurf einmal durchblättern. Hennenhaltungsplätze, Mostgewicht, Aquakulturstatistik, Gartenbausämereien, Bodenbearbeitungsverfahren, Rebsorten – um nur einige Stichworte zu nennen, die im Text enthalten sind.

Und Landwirtschaft entwickelt sich, neue Techniken, neue Verfahren, neue Züchtungen kommen ständig dazu. Gerne wird der landwirtschaftliche Berufsstand in Pressemeldungen einzig auf Ertragszahlen reduziert. Doch unsere Bauern wissen um die Mehrdimensionalität ihrer Tätigkeit.

Saatgut, Energieverbrauch, Produktqualität, Bodenbeschaffenheit und die Gestaltung von Kulturräumen sind längst integrale Bestandteile des Berufsfeldes. Die Agrarstatistik bildet all diese Entwicklungen ab, macht sie zugänglich, erlaubt Interpretationen und nicht zuletzt zeichnet sie ein Bild des Wandels in der Landwirtschaft.

Der Gesetzesentwurf über den wir heute abstimmen, trägt den Veränderungen im Agrarbereich Rechnung. In erster Linie geht es um die Anpassung an EU-Vorschriften. Schließlich so heißt es in der Begründung: „Die Betriebsstrukturerhebungen sind für die Europäische Kommission von großer Bedeutung als Grundlage für die Entwicklung und Bewertung von Maßnahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik sowie der Förderung der ländlichen Entwicklung.“

Bei einem Gesamtetat der EU von 57,8 Mrd. Euro für den Agrarsektor ist Transparenz über Verwendung dieser öffentlichen Mittel oberstes Gebot. Das Agrarstatistikgesetz schafft entsprechende Voraussetzungen und fördert die Kooperation zwischen den öffentlichen Institutionen als Fördermittelgeber und den Landwirten als Empfänger.

„Die Zahl ist das Wesen aller Dinge.“ Dieses Zitat, das dem Griechen Pythagoras zugeschrieben wird, tröstet zwar nicht über die Mühen um Umstände ordentlicher Buchführung hinweg. Trotzdem mahnt es auch uns Landwirte zu Sorgfalt und Einsicht um die Bedeutung statistischer Maßnahmen.

Die Agrarstatistik liefert wertvolle Daten, die uns Politikern als Entscheidungsgrundlage dienen. Nutzen wir die Fakten um strukturelle Entwicklungen in der deutschen Landwirtschaft zu erkennen und zu hinterfragen.

 

aktualisiert von Axel Metzler, 07.11.2014, 11:52 Uhr

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